Am vergangenen Freitag war ich beim bundesweiten „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ in Chemnitz dabei. Während im Bundestag gerade das neue Wehrdienstgesetz beschlossen wurde, standen hier am Karl-Marx-Monument rund 900 junge Menschen, die deutlich machten: Diese Entscheidung betrifft unsere Zukunft – und wir wollen mitreden. Die Initiative Jugend gegen Krieg Chemnitz hatte die Aktion organisiert, und ihr Engagement hat mich wirklich beeindruckt: klar, mutig und mit einer Ernsthaftigkeit, die man der Politik oft vergeblich abverlangt.
Schon im Vorfeld hatten viele Jugendliche mit Gegenwind an ihren Schulen zu kämpfen. Manche bekamen Rundmails, in denen Streiks „verboten“ wurden, andere sollten plötzlich Atteste vorlegen. Die Organisatoren reagierten sofort, ermutigten die Jugendlichen und erklärten ihnen, wie eine einfache Entschuldigung durch die Eltern funktioniert. Viele ließen sich dadurch nicht einschüchtern – und genau das hat der Demo ihre besondere Stärke verliehen.
Ich war beeindruckt von der Energie, der Klarheit und dem Mut, den die Jugendlichen gezeigt haben. Viele hätten an diesem Tag eigentlich Unterricht gehabt, waren aber trotzdem gekommen. Eltern, Großeltern und Lehrkräfte unterstützten die Versammlung, einige waren extra aus dem Erzgebirge, dem Vogtland oder aus Zwickau angereist. Das hat einmal mehr gezeigt: Der Wunsch nach Frieden, Deeskalation und einer Politik, die junge Menschen ernst nimmt, ist keine Randposition.
Keine Parteipolitik – und trotzdem ein starkes Signal
Die Organisatoren hatten darum gebeten, auf Parteifahnen und parteipolitische Auftritte zu verzichten. Diesen Wunsch habe ich respektiert. Auch wenn ich dadurch nicht wie geplant sprechen konnte, war es mir wichtig, anwesend zu sein und zuzuhören. Denn diese Bewegung lebt davon, dass die Jugendlichen selbst das Wort ergreifen – und genau das haben sie getan.
Die Redebeiträge waren eindrücklich: von der Sorge um die eigene Zukunft bis hin zur Forderung, endlich wieder mehr in Bildung und Zukunftschancen zu investieren statt in eine neue Militarisierung. Viele schilderten auch, dass sie sich von der Politik nicht einbezogen fühlen – obwohl es um ihre eigene Lebensrealität geht.
Was das neue Wehrdienstgesetz bedeutet
Während wir auf dem Platz standen, stimmte der Bundestag über eine der weitreichendsten sicherheitspolitischen Reformen der letzten Jahre ab. Das neue Gesetz sieht unter anderem vor:
- Verpflichtende Musterung für alle Männer ab Geburtsjahr 2008
- Erster Kontakt über Fragebögen ab Mitte Januar
- Aufbau von bundesweit 24 Musterungszentren
- Ab 2027: systematische Musterung ganzer Jahrgänge
- Frauen können sich freiwillig melden
- Ziel: deutliche Vergrößerung der Bundeswehr und Reserve
- Möglichkeit einer „Bedarfswehrpflicht“ bleibt bestehen
Die Musterung selbst ist noch kein Wehrdienst – aber sie legt fest, wer grundsätzlich tauglich wäre. Damit beginnt eine neue Phase der deutschen Sicherheitspolitik, die viele Fragen offenlässt, besonders für die jungen Menschen, die am Freitag demonstriert haben.
Flyer zur Kriegsdienstverweigerung verteilt
Gemeinsam mit weiteren BSW-Mitgliedern, darunter Ronny Kupke und Jeannette Wilfer, habe ich mehrere hundert Flyer zur Kriegsdienstverweigerung verteilt. Gerade junge Männer ab Jahrgang 2008 müssen sich darauf einstellen, künftig verpflichtend gemustert zu werden. Mir war wichtig, ihnen niedrigschwellige und sachliche Informationen mitzugeben – denn wer seine Rechte kennen möchte, braucht klare Hinweise, keine Panikmache.
Meine Haltung: Eine Wehrpflicht löst kein einziges Problem
Ich selbst gehöre zu den letzten Jahrgängen, die noch eingezogen wurden. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schnell aus hehren Worten über „Pflicht“ und „Dienst“ ein Alltag wird, in dem Drill und Gehorsam wichtiger sind als Menschlichkeit und Verantwortung. Ich habe mich damals für den Zivildienst entschieden – und bin bis heute überzeugt, dass es richtige und wichtige Wege gibt, dem Staat zu dienen, ohne Teil einer militärischen Logik zu werden.
Was wir heute erleben, ist eine politische Debatte, die Jugendlichen immer mehr Pflichten auferlegt, ihnen aber gleichzeitig Perspektiven nimmt. Viele haben das in Chemnitz deutlich ausgesprochen: „Wir wollen keinen Krieg. Wir wollen Zukunft.“
Diese Aussagen sollte die Politik sehr ernst nehmen.
Dank an die Organisatoren
Mein großer Respekt gilt den jungen Menschen von Jugend gegen Krieg Chemnitz, die diese beeindruckende Kundgebung organisiert haben. Es ist alles andere als selbstverständlich, sich in der aktuellen politischen Stimmung öffentlich für Frieden starkzumachen – und trotzdem haben sie es getan: besonnen, entschlossen und mit echtem Verantwortungsgefühl.
Ich freue mich, dass es in Chemnitz eine Jugend gibt, die sich nicht einschüchtern lässt und die Debatte über Frieden, Abrüstung und gesellschaftlichen Zusammenhalt aktiv mitgestaltet.
Wie geht es weiter?
Die Organisatoren haben bereits zu weiteren Aktionen am 5. März 2026 aufgerufen. Ich werde auch dann vor Ort sein – zum Zuhören, zum Unterstützen und, wenn es gewünscht ist, auch zum Sprechen. Vor allem aber, um gemeinsam mit vielen anderen für eine Zukunft einzutreten, in der junge Menschen nicht als Reserve für militärische Konflikte betrachtet werden.
Frieden entsteht nicht durch Zwang, sondern durch Dialog, Mut und politische Vernunft. Die Jugendlichen in Chemnitz haben genau das gezeigt.

