85 Jahre Überfall auf die Sowjetunion: Erinnern heißt, für Frieden einzutreten

Am 22. Juni jährte sich der Überfall Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion zum 85. Mal. Mit dem Angriff der deutschen Wehrmacht am 22. Juni 1941 begann einer der schlimmsten Abschnitte des Zweiten Weltkriegs. Dieser Krieg war kein gewöhnlicher militärischer Konflikt. Er war von Anfang an als Eroberungs- und Vernichtungskrieg geplant.

Der Krieg gegen die Sowjetunion war geprägt von rassistischer Ideologie, brutalem Besatzungsterror, Hungerpolitik, Massenerschießungen, Zwangsarbeit und der systematischen Entrechtung ganzer Bevölkerungsgruppen. Die Menschen in der Sowjetunion sollten unterworfen, vertrieben, versklavt oder vernichtet werden.

Allein in der Sowjetunion verloren etwa 27 Millionen Menschen ihr Leben. Diese Zahl ist kaum zu begreifen. Dahinter stehen gefallene Soldaten, ermordete Zivilisten, verhungerte Kriegsgefangene, deportierte Familien, zerstörte Städte und Dörfer. Es waren Menschen aus Russland, der Ukraine, Belarus und vielen weiteren damaligen Sowjetrepubliken.

Für mich ist klar: Diese Geschichte darf nicht verblassen. Deutschland trägt gegenüber den Völkern Osteuropas eine bleibende historische Verantwortung. Diese Verantwortung endet nicht bei Gedenkreden. Sie muss sich auch in unserer heutigen Politik zeigen.

Friedensmahnwache in Zschopau

Am Vormittag war ich zunächst in Zschopau bei einer Friedensmahnwache auf dem Markt. Unter Mitwirkung des BSW Erzgebirge hatte Norbert Staffa, Unterstützer und Aktivist der Friedensbewegung, diesen Infostand organisiert. Auch mein Landtagskollege Ulf Lange war vor Ort.

Trotz großer Hitze kamen wir mit vielen Bürgern ins Gespräch. Dabei wurde deutlich: Das Bedürfnis nach Frieden, Deeskalation und historischer Einordnung ist groß. Viele Menschen spüren, dass die derzeitige Politik gefährlich ist. Immer neue Eskalation, immer neue Waffen, immer neue Feindbilder – das bringt uns nicht näher zum Frieden.

Gerade deshalb war es wichtig, an diesem Tag öffentlich präsent zu sein. Denn der 22. Juni ist kein Datum nur für Geschichtsbücher. Er ist ein Mahntag.

Die vergessenen Opfer von Zschopau

Besonders eindrücklich war eine in Zschopau gezeigte Dokumentation über sowjetische Kriegsgefangene. Sie erinnerte an 32 kriegsgefangene Sowjetsoldaten, die 1941/1942 nach mörderischer Zwangsarbeit im sogenannten „Lazarettlager“ der deutschen Wehrmacht in Zschopau starben – an Krankheit, Unterversorgung und Hunger.

Auf den Tafeln waren Aktenauszüge, Fotos, Fingerabdrücke, Adressen von Angehörigen und Namen der Opfer zu sehen. Eine Überschrift lautete: „An sie erinnern nur die Akten ihrer Peiniger.“

Das ist ein harter Satz. Aber er trifft den Kern. Von vielen dieser Menschen sind fast nur noch die Dokumente erhalten, die von ihren Peinigern angelegt wurden. Ihre Namen, ihre Herkunft, ihr Alter, ihre Gefangenschaft, ihr Sterben – all das wurde von einem System erfasst, das sie zuvor entrechtet und entmenschlicht hatte.

Gerade deshalb ist es wichtig, diese Namen wieder sichtbar zu machen. Denn diese Opfer dürfen nicht nur Nummern in alten Akten bleiben.

Zwangsarbeit mitten in unserer Region

Die Ausstellung zeigte auch, dass Zwangsarbeit nicht irgendwo weit entfernt stattfand, sondern mitten in unserer Region. Genannt wurden Betriebe und Einrichtungen aus Sachsen, darunter Firmen und Einsatzorte in Chemnitz, Hainichen, Eibenstock, Aue, Hartmannsdorf, Oberbobritzsch, Lichtenwalde und weiteren Orten.

Das macht deutlich: Der Vernichtungskrieg im Osten hatte auch lokale Bezüge. Er war nicht nur Frontgeschehen. Er reichte bis in Städte, Betriebe, Verwaltungen und Lager hinein. Auch hier profitierten Einrichtungen und Unternehmen von der Entrechtung und Ausbeutung sowjetischer Kriegsgefangener.

Besonders bedrückend waren die Dokumente über die Behandlung der Gefangenen. Dort ging es um Arbeitseinsatz, Strafen, Essensentzug, Lagerdienst und Disziplinierung. Das klingt bürokratisch. In Wahrheit steht es für Gewalt, Hunger, Ausbeutung und einen Alltag, in dem Menschenleben nichts galten.

Die gezeigten Fotos und Fingerabdrücke holen diese Opfer aus der Anonymität zurück. Man sieht nicht mehr nur historische Zahlen, sondern konkrete Menschen.

Deshalb unterstütze ich die Forderung, dass es in Zschopau eine würdige Stätte des Gedenkens an diese Opfer geben muss. Wer über Erinnerungskultur spricht, darf solche Orte nicht übersehen. Gerade die vergessenen Opfer verdienen Sichtbarkeit.

Gedenken auf dem Friedensplatz in Chemnitz

Am Nachmittag nahm ich in Chemnitz an der Gedenkveranstaltung der BSW-Fraktion im Chemnitzer Stadtrat und der Friedensinitiative Chemnitz teil. An der Stahlplastik „Reliquie Mensch“ von Michael Morgner auf dem Friedensplatz legten wir Blumen nieder und erinnerten an die Millionen Opfer des deutschen Vernichtungskrieges. Auch ein Vertreter der Russischen Botschaft in Berlin war vor Ort.

Der Friedensplatz war bewusst gewählt. Die Skulptur „Reliquie Mensch“ steht für Verletzlichkeit, Schmerz, Ausgeliefertsein, aber auch für Aufrichtung. Genau darum geht es, wenn wir über Krieg sprechen: Am Ende steht immer der Mensch im Mittelpunkt – als Opfer politischer Entscheidungen, ideologischer Verblendung und militärischer Gewalt.

Leider gibt es in vielen sächsischen Städten zu diesem Jahrestag keine offiziellen Gedenkveranstaltungen. Umso dankbarer bin ich der Friedensinitiative Chemnitz und allen Beteiligten, dass sie diese Lücke gemeinsam mit uns geschlossen haben.

Erinnerung braucht Menschen, die sie wachhalten. Gerade dann, wenn sie unbequem ist oder nicht in die aktuelle politische Großwetterlage passt.

Der Vernichtungskrieg im Osten

In meiner Rede habe ich daran erinnert, dass der Krieg Hitler-Deutschlands gegen die Sowjetunion eine besondere Qualität hatte. Die Nazis sahen in der Sowjetunion nicht nur einen militärischen Gegner, sondern den sogenannten „jüdisch-bolschewistischen“ Feind. Diese Ideologie richtete sich gegen Menschen, Parteien, Staaten und ganze Völker.

Der Krieg nach innen – gegen Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Juden und andere Verfolgte – wurde später zum Krieg nach außen. Im Osten zeigte sich das mit besonderer Brutalität.

Die Wehrmacht hielt sich dort vielfach nicht an die Regeln des Krieges. Sowjetische Kriegsgefangene wurden massenhaft Hunger, Kälte, Krankheiten und Zwangsarbeit ausgesetzt. Politische Kommissare und Funktionsträger sollten auf Grundlage verbrecherischer Befehle erschossen werden. Die nationalsozialistische Ideologie betrachtete slawische Völker als minderwertig und plante für große Teile Osteuropas Unterwerfung, Vertreibung und Versklavung.

Auch die Blockade Leningrads, Massenerschießungen, die Verbrechen der Einsatzgruppen und die Strategie der verbrannten Erde gehören zu dieser Geschichte. Zugleich weitete sich mit dem Krieg gegen die Sowjetunion der nationalsozialistische Vernichtungsfeldzug gegen die jüdische Bevölkerung Osteuropas aus.

Diese Zusammenhänge dürfen wir nicht auseinanderreißen. Der 22. Juni 1941 steht für einen Zivilisationsbruch, dessen Folgen bis heute nachwirken.

Dankbarkeit gegenüber den Völkern der Sowjetunion

Zur Wahrheit gehört auch: Die Sowjetunion trug die Hauptlast bei der Befreiung Europas vom Faschismus. Ohne den ungeheuren Blutzoll der Roten Armee und der sowjetischen Bevölkerung wäre die Niederlage Nazideutschlands nicht denkbar gewesen.

Das verdient Respekt und Dankbarkeit. Und zwar gegenüber allen Völkern der damaligen Sowjetunion, die unter dem deutschen Krieg gelitten haben: den Russen, Ukrainern, Belarussen und vielen anderen.

Diese Dankbarkeit darf nicht davon abhängig gemacht werden, ob sie gerade in das politische Klima passt. Geschichte lässt sich nicht nach Tageslage sortieren.

Auch die deutsche Einheit wäre ohne die Zustimmung der Sowjetunion und ohne Michail Gorbatschow nicht möglich gewesen. Deutschland hat nach 1945 eine zweite Chance bekommen. Das sollten wir nicht vergessen.

Keine Lehre aus der Geschichte ohne Friedenspolitik

Gerade vor dem Hintergrund des Krieges in der Ukraine ist dieses Gedenken schwierig, aber notwendig. Der russische Angriff auf die Ukraine hat großes Leid verursacht und einen gefährlichen Krieg mitten in Europa ausgelöst. Aber gerade deshalb darf Deutschland nicht weiter auf Eskalation, Waffenlogik und Durchhalteparolen setzen.

Wer wirklich aus der Geschichte lernen will, muss heute für Diplomatie eintreten. Es braucht Verhandlungen, neue Gesprächskanäle und eine europäische Sicherheitsordnung, die dauerhaft Frieden möglich macht. Frieden entsteht nicht durch immer mehr Konfrontation. Frieden entsteht durch Interessenausgleich, Dialog und die Bereitschaft, auch mit schwierigen Gesprächspartnern zu reden.

Aus der deutschen Geschichte folgt für mich nicht die Pflicht, immer neue Waffen zu liefern. Aus ihr folgt die Pflicht, alles zu tun, damit von deutschem Boden nie wieder Krieg, Eskalation und Vernichtung ausgehen. Das sollte Grundlage deutscher Politik sein. Davon sind wir derzeit leider weit entfernt.

Chemnitz und Wolgograd: Verständigung nicht abbrechen

Diese Verantwortung gilt nicht nur für die Bundespolitik. Auch Länder und Kommunen können Zeichen setzen. Chemnitz hat mit Wolgograd, dem früheren Stalingrad, eine Städtepartnerschaft, die aus der Erfahrung von Krieg, Zerstörung und Versöhnung gewachsen ist.

Gerade diese Partnerschaft sollte nicht dauerhaft ruhen. Sie wäre ein Zeichen dafür, dass Verständigung auch in schwierigen Zeiten möglich bleiben muss.

Was können die Bürger von Wolgograd für die Politik ihrer Regierung? So viel wie die Chemnitzer für die Politik der Bundesregierung: vergleichsweise wenig. Deshalb halte ich es für falsch, ausgerechnet solche zivilgesellschaftlichen Brücken abzubrechen.

Von Deutschland, von Sachsen und auch von Chemnitz sollten Zeichen der Verständigung ausgehen. Drohungen und Konfrontation haben uns in den letzten Jahren nicht sicherer gemacht. Sie haben Europa gefährlicher gemacht.

Erinnern heißt handeln

Der 22. Juni ist für mich kein Datum, das nur Historiker beschäftigt. Er ist ein Mahntag. Er erinnert uns daran, wohin Feindbilder, Rassenwahn, Militarismus und politische Entmenschlichung führen können. Und er verpflichtet uns, heute für Frieden einzutreten – klar, öffentlich und ohne Angst vor Widerspruch.

Ich danke allen, die in Zschopau und Chemnitz dabei waren, die das Gedenken möglich gemacht haben und die sich weiter für Frieden engagieren. Wir haben die Lehren aus der Geschichte gezogen. Und wir sollten sie selbstbewusst nach außen vertreten.

Ohne Erinnerung gibt es keine Verantwortung. Und ohne Frieden ist alles nichts.

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