KW 40 Ausgabe vom 08.10.2026
Multipolar

Hat Putin den Gashahn abgedreht?

Von Karsten Montag

Karsten Montag hinterfragt die verbreitete Darstellung, Russland habe Deutschland 2022 aus politischen Gründen schlicht den „Gashahn zugedreht“. Er rekonstruiert die sinkenden Liefermengen über Nord Stream 1, Probleme und Wartungen der dafür benötigten Turbinen, westliche Sanktionen sowie die widersprüchlichen Erklärungen von Gazprom, Siemens Energy und Bundesregierung. Auch alternative Lieferwege über Polen und die Ukraine sowie das russische Angebot, Nord Stream 2 zu nutzen, nimmt er in den Blick. Montags Fazit: Aus den öffentlich zugänglichen Unterlagen lasse sich eine gezielte russische Lieferverweigerung als alleinige Erklärung weniger eindeutig ableiten, als die damalige politische Kommunikation suggerierte.

Einordnung: Der Beitrag ist lesenswert, weil er einen eingängigen politischen Satz in eine komplizierte Abfolge technischer, rechtlicher und politischer Entscheidungen zerlegt. Damit ist Russland nicht von jeder Verantwortung entlastet: Auch russische Sanktionen und Entscheidungen spielten eine Rolle, und zahlreiche Angaben der beteiligten Seiten widersprechen sich. Der Text zeigt aber, wie verkürzend es ist, eine komplexe Energiekrise auf einen einzigen Akteur und ein einziges Motiv zurückzuführen. Für eine belastbare Aufarbeitung sollte deshalb zwischen nachweisbaren Lieferausfällen, ihren konkreten Ursachen und der politischen Deutung dieser Vorgänge unterschieden werden.

NachDenkSeiten

Friedensdemo in Stuttgart mit polizeilichem Zwischenspiel

Von Constantin Schnell

Constantin Schnell berichtet von der Friedensdemonstration am 3. Oktober in Stuttgart, die sich gegen Hochrüstung, Wehrpflicht und Krieg richtete. Überschattet wurde die Kundgebung von einem organisierten Störversuch während der Rede von Sevim Dağdelen: Ein Mann gelangte auf die Bühne und wurde von der Polizei gestoppt, weitere Demonstranten störten die Rede. Schnell richtet den Blick daneben auf die eigentlichen Themen der Veranstaltung – von Wehrpflicht und Aufrüstung bis zu sozialen Folgen steigender Militärausgaben. Einen Schwerpunkt legt er auf junge Menschen, die sich gegen die Wehrpflicht organisieren, sowie auf die Frage, warum klassische Institutionen wie Kirchen und Gewerkschaften in der Friedensbewegung derzeit nur begrenzt präsent sind.

Einordnung: Der Bericht zeigt, wie schnell ein einzelner Zwischenfall die öffentliche Wahrnehmung einer ansonsten friedlichen Demonstration überlagern kann. Interessanter als die Auseinandersetzung auf der Bühne ist deshalb der Blick auf die Entwicklung der Friedensbewegung selbst: Neue Protestformen gegen die Wehrpflicht entstehen, während etablierte Organisationen teilweise an Bedeutung verlieren. Gerade die Frage, wie jüngere Menschen mit friedenspolitischen Themen erreicht werden können, dürfte für die weitere Entwicklung der Bewegung entscheidend sein.

NachDenkSeiten

Linke-Spitze billigt Angriff auf Friedensdemo

Von Rüdiger Göbel

Ergänzend zum vorherigen Bericht über die Stuttgarter Friedensdemonstration beschäftigt sich Rüdiger Göbel mit der politischen Reaktion auf den Störversuch gegen Sevim Dağdelen. Eine beteiligte Gruppe bezeichnete das Vorgehen als „antifaschistische Intervention“ und begründete es mit ihrer Kritik am BSW. Im Mittelpunkt des Kommentars steht anschließend Mersedeh Ghazaei, Mitglied des Bundesvorstands der Linken, die die Auseinandersetzung öffentlich verteidigte und Dağdelen sowie dem BSW vorwarf, der AfD den Weg zu bereiten. Göbel stellt dem die Erklärung des Demonstrationsbündnisses gegenüber, das den Versuch einer gewaltsamen Unterbrechung der Rede ausdrücklich verurteilte.

Einordnung: Während der vorherige Beitrag die Demonstration und ihre friedenspolitischen Themen in den Mittelpunkt stellt, zeigt dieser Text, wie stark der Zwischenfall anschließend zum politischen Konflikt innerhalb der Friedensbewegung wurde. Göbel argumentiert ausgesprochen polemisch und verallgemeinert die Äußerung eines einzelnen Linke-Vorstandsmitglieds teilweise zur Haltung einer „Linke-Spitze“. Der grundlegende Streitpunkt bleibt dennoch relevant: Politische Differenzen über das BSW, Migration oder den Umgang mit der AfD müssen offen ausgetragen werden können, ohne Reden gewaltsam verhindern zu wollen oder solche Versuche nachträglich zu relativieren.

NachDenkSeiten

Ein ‚Vegetarierpreis für Metzger‘: NATO wird für ‚Frieden‘ geehrt

Von Tobias Riegel

Tobias Riegel kritisiert die Verleihung des Internationalen Preises des Westfälischen Friedens 2026 an die NATO. Für ihn steht die Auszeichnung eines Militärbündnisses im Widerspruch zum Anspruch eines Friedenspreises. Er verweist unter anderem auf den NATO-Krieg gegen Jugoslawien 1999 und die umstrittene Rolle der NATO-Osterweiterung im Verhältnis zu Russland. Zugleich berichtet Riegel über Protest gegen die Preisvergabe und den Alternativen Westfälischen Friedenspreis, der an Connection e.V. für dessen Unterstützung von Kriegsdienstverweigerern vergeben wurde. Generell sieht er politische Preisverleihungen auch als Mittel, bestimmte außen- und sicherheitspolitische Positionen gesellschaftlich aufzuwerten.

Einordnung: Der Beitrag stellt eine einfache, aber berechtigte Frage: Was verstehen wir unter Friedensarbeit? Die Jury würdigt die NATO für ihren Beitrag zu Sicherheit und Frieden, Riegel hält dagegen, dass zur Geschichte des Bündnisses auch militärische Interventionen und eine immer stärkere Aufrüstung gehören. Gerade dieser Gegensatz macht die Preisvergabe diskussionswürdig. Der alternative Preis für eine Organisation, die Kriegsdienstverweigerer unterstützt, zeigt zugleich, wie unterschiedlich Frieden verstanden werden kann – als militärische Abschreckung oder als möglichst weitgehende Vermeidung militärischer Gewalt.

Globalbridge

Die Antwort als Risiko – was Brüssels neue KI-Aufsicht wirklich reguliert

Von Michael Hollister

Michael Hollister untersucht die Einstufung von ChatGPT als sehr große Online-Suchmaschine nach dem europäischen Digital Services Act. Damit gelten für den Dienst zusätzliche Pflichten zu Risikobewertung, Transparenz, Audits und Datenzugang. Hollister sieht darin einen neuen Regulierungsfall: Anders als klassische Suchmaschinen sortiert ChatGPT nicht nur vorhandene Inhalte, sondern formuliert selbst Antworten. Dadurch stellt sich die Frage, ob Vorgaben zur Risikominderung künftig auch das Antwortverhalten beeinflussen könnten. Der Autor betont allerdings, dass daraus noch keine Absicht der EU folgt, bestimmte politische Antworten vorzugeben, und skizziert verschiedene mögliche Entwicklungen.

Einordnung: Der Beitrag beschäftigt sich mit einer wichtigen offenen Frage der KI-Regulierung: Wie lässt sich ein System beaufsichtigen, das Informationen nicht nur vermittelt, sondern selbst formuliert? Der DSA soll große Dienste für Risiken und Grundrechtseingriffe verantwortlich machen; zugleich darf daraus keine politische Steuerung legitimer Meinungen entstehen. Entscheidend wird deshalb weniger der Gesetzestext als seine praktische Anwendung sein: Welche Risiken werden definiert, welche Änderungen verlangt und wie transparent lässt sich nachvollziehen, ob sich dadurch Antworten verändern?

Globalbridge

So berichteten russische Medien über das Treffen zwischen Wadephul und Lawrow

Von Stefano di Lorenzo

Stefano di Lorenzo zeichnet nach, wie russische Medien das kurze Treffen von Außenminister Johann Wadephul mit seinem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow am Rande der UN-Generalversammlung darstellten. Regierungsnahe Zeitungen werteten den Kontakt vor allem als Zeichen deutscher und europäischer Schwäche, verspotteten Wadephuls Auftreten und warfen Berlin vor, ohne neue Vorschläge lediglich bekannte Forderungen zu wiederholen. Zugleich stellten sie das Gespräch in den Zusammenhang eines aus ihrer Sicht schwindenden europäischen Einflusses auf mögliche Verhandlungen über die Ukraine. Di Lorenzo macht damit sichtbar, wie stark dasselbe diplomatische Ereignis je nach politischer Perspektive unterschiedlich gedeutet wird.

Einordnung: Der Beitrag ist weniger als verlässliche Beschreibung deutscher Außenpolitik interessant als als Einblick in die russische Wahrnehmung Deutschlands. Die zitierten Medien arbeiten deutlich mit Polemik und propagandistischen Deutungen, zeigen aber zugleich, welche historischen und politischen Narrative das russische Deutschlandbild prägen. Gerade deshalb sind direkte Gespräche wichtig: Diplomatie setzt nicht voraus, die Sichtweise der Gegenseite zu übernehmen, wohl aber, sie zu kennen und Gesprächskanäle auch bei tiefen Gegensätzen offenzuhalten.

Die Verlinkung externer Beiträge ist keine Zustimmung zu jeder darin vertretenen Position, sondern ein Diskussionsangebot — Lesetipps, keine eigenen Beiträge.